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"Heimliche Gruppenhelfer hat es immer schon gegeben"

Klarer Kurs, Magazin für berufliche Teilhabe; Heft 4, 2010, Hamburg; www.53grad-nord.com
Thema: Ausbildung zum Produktionsassistenten
Einrichtung: Die Werraland Werkstätten
Ort: Eschwege
Text von Dieter Basener
WERKSTÄTTEN SIND ZWEIKLASSEN-GESELLSCHAFTEN. Sie teilen sich in Personal und Beschäftigte. Die einen organisieren, leiten an, fördern, die anderen arbeiten, werden angeleitet und werden gefördert. Die Werraland Werkstätten haben mit dieser Ordnung gebrochen und bilden Werkstatt-Beschäftigte für Leitungsaufgaben aus. Nach bestandener Prüfung tragen sie den Titel "Produktionsassistenten".
Beispiel Günther Schellhas
Einer dieser Produktionsassistenten ist Günther Schellhas.Er beschreibt seine Arbeit so: "Ich leite eine kleine Produktionseinheit, die ARDEO-Gruppe. ARDEO ist die Bezeichnung für ein Windspiel, das wir in unserer Werkstatt herstellen, Vögel aus Styropor für den Garten. 50 Stück fertigen wir davon am Tag und vier bis fünf Leute arbeiten an dem Auftrag. Wir sind eine Untergruppe der Schreinerei, haben aber einen eigenen Raum. Ich leite die Gruppe an, teile die Arbeit ein, kontrolliere, halte fest, was rausgeht und bin der Ansprechpartner für meine Leute. Ich arbeite schon seit 35 Jahren in der Werkstatt. Vor ein paar Jahren bin ich gefragt worden, ob ich Produktionsassistent werden wollte. Für mich war das eine Herausforderung. Wir haben eine Schulung erhalten und eine Prüfung abgelegt, dann habe ich die kleine Gruppe übernommen. Ich glaube, ich mache das ganz gut und es macht mir Spaß."
Die Sicht des Gruppenleiters
Für Gruppenleiter Horst Hilmes ist Günther Schellhas eine große Entlastung. "Diese Produktion wäre ohne ihn gar nicht möglich. Ich kann mich hundertprozentig auf ihn verlassen. Klar, anfangs gab es ein paar Probleme, beispielsweise mit der Akzeptanz, aber das hat er Gott sei Dank bewältigt. Für mich bleiben der schriftliche Teil der Arbeit und die Reha-Gespräche. Die unmittelbare Anleitung und Abwicklung des Auftrags werden von Günther erledigt."
Die Ausgangsüberlegung
Die Idee zur Qualifizierung von Produktionsassistenten hatte Andrea Röth-Heinemann. Sie kam als Fachkraft für betriebliche Integration zu den Werraland Werkstätten und rückte später in den Vorstand auf. Die Ausgangsüberlegung beschreibt sie so: "In jeder Werkstatt gibt es eine Reihe von Menschen mit Behinderung, die besondere Fähigkeiten haben und die auch mehr an Verantwortung und Leistung übernehmen können. Um dieses Potential zu nutzen, braucht es aber eine spezielle Qualifizierung und einen gezielten Auftrag. So kann man das Einsatzfeld definieren und die herausgehobene Position für alle einleuchtend begründen."
Anfängliche Skepsis
Das Projekt startete im Jahre 2003. Der erste Probekurs lief als arbeitsbegleitende Maßnahme und bestand aus sechs Einheiten. Nicht überall traf die Idee auf Gegenliebe, einige Gruppenleiter lehnten sie rundherum ab. Offensichtlich lag hier ein Tabubruch vor, klare Rollendefinition und Statusregeln wurden überschritten. Die Reaktion lautete zugespitzt: "Wofür werden wir dann noch gebraucht? Die nehmen uns doch die Arbeitsplätze weg." Es gab aber auch souveräne Gruppenleiter, die die Assistenten als Arbeitserleichterung und Möglichkeit zur Qualitätsverbesserung ansahen und sich eine solche Unterstützung ausdrücklich wünschten. Frage: Wann gibt es den nächsten Kurs?
Inhalte und Methoden
Der zweite Lehrgang wurde umfassender konzipiert. Er ging über ein Jahr, wurde 14-tägig angeboten, in der Regel vormittags zwischen 9 und 12 Uhr. Andrea Röth-Heinemann: "Der Kurs sollte so praxisnah wie möglich sein." Zu den Qualifizierungsinhalten gehörten Themen wie Kommunikation, Arbeitsorganisation, Arbeitssicherheit, Erste Hilfe, aber auch der Umgang mit Konflikten und das Thema Behinderungsformen, insbesondere Epilepsie. Die Methodik umfasste Rollenspiele mit Beobachtung und Auswertung, Gruppengespräche, Übungsaufgaben, Projektarbeit und Arbeit mit Arbeitsblättern, wobei die Aufgaben mit Symbolen und Bildern dargestellt waren. Lesen und Schreiben war keine Eingangsvoraussetzung.
Praxisprüfung
Der Kurs mündete in eine Prüfung, in der Mitarbeiter der Werkstatt Gruppensituationen nachstellten. Die Prüfer bewerteten mittels einer Checkliste das Anleitungsverhalten. Auch Streitschlichtung gehörte zu den Prüfungsaufgaben, ebenso mathematisches Verständnis. Die letzte offizielle Prüfung bestanden 13 von 15 Teilnehmern. Nach der Prüfung erhielten alle ein Zertifikat, das die Inhalte der Ausbildung beschreibt.
Gruppenleiterassistenten und Betreuungsassistenten
Die ausgebildeten Assistenten sind in den Gruppen eingesetzt, stehen aber auch als Hilfen im Freizeitbereich zur Verfügung. Andrea Röth-Heinemann: "Mittlerweile haben wir eine Unterscheidung vorgenommen: Es gibt den Produktionsassistenten mit Aufgaben zur Sicherstellung der Produktionsabläufe und den Gruppenleiterassistenten, der hauptsächlich Anleitungsaufgaben übernimmt. Und wir haben noch eine dritte Form in Vorbereitung, den Betreuungsassistenten, der pflegerische Aufgaben übernimmt. Wir wollen die Betreuungsassistenten auch in Wohnstätten, bei Kindern und Jugendlichen und im Altenbereich einsetzen. Die Qualifizierung soll offiziell anerkannt sein. Wir können sie eventuell auch für Personen außerhalb der Werkstatt öffnen, etwa in den SGB-II-Bereich hinein."
Produktionsassistentin Anke Siebert
Eine der ausgebildeten Produktionsassistentinnen ist Anke Siebert. Sie beschreibt die Tätigkeit in ihrer Gruppe so: "Ich unterstütze meine Gruppenleiterin Petra Stück bei ihrer Arbeit, schaue wo sie Hilfe braucht, bediene das Telefon, hole Material aus dem Lager, fülle die Essensbestellungen aus und mache die Tagesberichte." Petra Stück ist froh über diese Assistenz: "Anke Siebert gehört zu denjenigen, die immer schon heimliche Produktionsassistentinnen waren, wenn auch unausgebildet und inoffiziell. Wir haben diese inoffizielle Helferfunktion in eine offizielle umgewandelt. Das hat den Vorteil, dass wir offen über diese Hilfstätigkeiten reden können. Wir können das Vorgehen kontrollieren und bei Bedarf korrigieren. In unserer Gruppe haben wir täglich Besprechungen und schulen Anke eigentlich fortwährend weiter. Wenn es mal Probleme mit der Akzeptanz gibt, was am Anfang durchaus der Fall war, erhält sie von uns Unterstützung. In der Regel übernimmt sie Routineaufgaben und ich als Gruppenleiterin bin immer noch im Hintergrund. Sie ist aber auch in der Betreuung tätig, z.B. in der Begleitung zum Mittagessen und in den Pausen." Anke Siebert konnte ihre geschulte Kompetenz auch im Freizeitbereich einsetzen: "Ich habe schon Reisebegleitung gemacht, war mit einer Gruppe auf der Insel Fehmarn. Das war für uns alle ein großes Erlebnis."
Entwicklungschancen
Finanziell schlägt die Tätigkeit eines Produktionsassistenten für die Beteiligten kaum zu Buche. Es gibt lediglich eine etwas erhöhte Leistungsprämie. Andrea Röth-Heinemann sieht die Qualifizierung aber als große Chance für die Entwicklung der Werkstattmitarbeiter: "Wir waren sehr überrascht über die Lernbereitschaft und die Lernfähigkeit der Teilnehmer, über die Ernsthaftigkeit, mit der sie die Prüfungen angingen. Und genauso über ihren Zuwachs an Selbstbewusstsein und die Veränderung des Selbstverständnisses durch ihre Tätigkeit."
Resümee des Sozialdienstleiters
Hans Stück, der Leiter der sozialen Dienste, bewertet das Qualifizierungsmodell so: "Für mich ist die Einführung des Produktionsassistenten ein großer Erfolg. Er hilft uns den Laden aufrecht zu erhalten. Wir werden immer vielfältiger und bunter und ohne diese zusätzlichen Hilfen können wir die Vielzahl von unterschiedlichen Angeboten gar nicht mehr bewältigen. Insbesondere jetzt, wo Zivis und andere Zusatzkräfte seltener werden, sind Produktionsassistenten eine wichtige Hilfe." Ein Langzeitziel des Projekts, die Übernahme von Produktionsassistenten in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis, ist bisher noch nicht geglückt. In einigen Fällen gab es jedoch die formale Übernahme auf einen Außenarbeitsplatz der Werkstatt und damit eine deutliche Statusaufwertung.
Nach 35 Jahren mehr Verantwortung
Günther Schellhas nimmt seine Aufgabe weiterhin als "normaler Werkstattmitarbeiter" wahr. "Nach 35 Jahren bei den Werraland Werkstätten", so sagt er, "will ich genau das: Mitarbeiter dieser Werkstatt sein und bleiben, aber gerne mehr Verantwortung übernehmen. Die Qualifizierung hat mir geholfen."
Modell für die Werkstattlandschaft?
Die Werraland Werkstätten haben sich mit den Produktionsassistenten auf konzeptionelles Neuland begeben. Es bleibt abzuwarten, ob auch andere Werkstätten diesem Beispiel folgen werden.
KONTAKT
Andrea Röth-Heinemann
Werraland Werkstätten e.V.
Hessenring 1
37269 Eschwege
Tel: 05651 - 926-0
andrea.roeth-heinemann@werraland-wfb.de
DAS HESSISCHE SYSTEM DER AUSSENARBEITSPLÄTZE
In Hessen können die Werkstätten Zusatzpersonal für die Integration in den Arbeitsmarkt in Anspruch nehmen. Die Bezeichnung: Fachkraft für berufliche Integration (FBI). Die Finanzierung dieser Fachkräfte ist mit der Auflage verbunden, pro Jahr 20 Praktika auf dem Arbeitsmarkt zu organisieren, vier ausgelagerte Arbeitsplätze zu schaffen und zwei Arbeitsverträge für ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis abzuschließen. Alle diese Vermittlungen müssen aus dem Arbeitsbereich der Werkstatt heraus vorgenommen werden. Für Außenarbeitsplätze werden in Hessen keine Pflegesätze mehr gezahlt, sondern lediglich 33 Cent Verwaltungsanteil pro Platz und Tag sowie die Personalkosten der FBIStelle. Die Werraland Werkstätten beschäftigen eine halbe Fachkraft für berufliche Integration. Sie haben beim Kostenträger durchgesetzt, dass in einzelnen Fällen Produktionsassistenten als Außenarbeitsplätze anerkannt sind und damit zum Vermittlungskontingent des FBI zählen. Dies stärkt in der Innenwirkung den Status der Produktionsassistenten erheblich, der Rollenwechsel wird durch den Wegfall der Kostensätze dokumentiert.
Alle Informationen im pdf Format
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